Die Liebe – ständig neu erfinden und verteidigen

Alain Badiou ist ein französischer Philosoph, aber seine Theorie der Liebe ist ausgesprochen lebensnah. Auf meinen Streifzügen durch völlig neue, ja sogar sehr ungewöhnliche Auffassungen über die Liebe hätte ich nicht gedacht, auf einen 75-jährigen Mann zu treffen. In einem Gespräch mit Nicolas Truong beschreibt er die Wahrheit der Liebe, wobei er auf den Satz „Ich liebe dich“ eingeht.

„Was wird dabei gesagt? … man sagt immer: „Ich werde aus dem, was ein Zufall war, etwas anderes machen. Ich werde daraus eine Dauer, eine Hartnäckigkeit, eine Verpflichtung, eine Treue machen … (das Wort „Treue“ bezeichnet hier) den Übergang einer zufälligen Beziehung zu einer Konstruktion, die so fest ist, als wäre sie notwendig gewesen.„

Und die Wahrheit über die Liebe? Kann man sie messen und wägen? Nein das kann man nicht, denn die Liebe wird ausschließlich durch das Paar definiert, das einander liebt. „Die Wahrheit“ ist also ganz einfach „die Wahrheit über dieses Paar“, eine Wahrheit von vielen Wahrheiten über die Liebe.

Kann man die Wahrheit nun verallgemeinern? Ja, man kann, meint Alain Badiou, aber etwas anderes, als die meisten von uns denken: Nein, es gibt keine „Definition“. Jede Liebe, so der Philosoph, gib der Wahrheit ein neues Gesicht. Und

„Jede Liebe liefert uns einen neuen Beweis dafür, dass man der Welt anders als durch ein einsames Bewusstsein begegnen und sie anders erfahren kann … wir lieben es zu lieben, und wir lieben auch, dass andere lieben.“

Diese Auffassung erinnert mich sehr an Paul Watzlawick, der ja behauptet hat, dass die Wirklichkeit durch Kommunikation entsteht. So, wie also zwei Menschen „ihre“ Wirklichkeit in der Liebe finden, findet die ganze Welt ihr Bild der Wirklichkeit in unendlich vielen Lieben. Ich denke, das ist sehr tröstlich und ein gutes Argument gegen die Kulturpessimisten, die ja die Liebe bekanntlich längst im Sand verscharrt liegen sehen.

Liebe besteht also verbindlich, sobald der Zufall, der sie herbeigeführt hat, überwunden ist. Und wie ist es nun mit der geschlechtlichen Begierde, die ja oft als ein völlig anderes Element dargestellt wird? Der Philosoph sieht dies überraschend positiv. Sobald die Liebe nicht nur als Verkleidung eines sexuellen Bedürfnisses angesehen wird, sondern als natürlicher Bestandteil der Liebe, ist für ihn alles in Ordnung. Der Körper will die Liebeserklärung hören, will sie gewissermaßen das materielle „Pfand“ des Satzes „ich liebe dich“ sein - und dieses Pfand soll eingelöst werden. Es ist daher nicht nicht nur ein imaginäres „Sein“, das die Liebenden „ineinander treibt“ – es sind auch die Körper, die sich vereinigen und damit „ja“ zueinander sagen wollen.

Die Zitate stammen aus dem Buch „Lob der Liebe“, erstmals auferlegt in Paris 2009.

Meinung

Alain Badiou verblüfft, weil er sich nicht auf Überkommenes, philosophisch scheinbar abgesichertes, aber oft unsinniges Wissen festlegen will. Zwar idealisiert er die Liebe etwas, aber er übernimmt nicht, wie man dies bei Soziologen oft feststellen kann, die Definitionsmacht über die Liebe. Seine Auffassung über die menschliche Sexualität passt perfekt in das Konzept aller Liebenden und hebt sich daher lobenswert von jenen ab, die die geschlechtliche Liebe als „minderwertig“ abtun.

Um den Philosophen menschengerecht zu würdigen, müsste man ihn freilich aus der Ahnenreihe der Philosophie herausnehmen, in der er sich etwas hölzern ausnimmt. Man muss ihn vielmehr in das Leben hineintragen, dort, wo es tatsächlich stattfindet.

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