BDSM und Moral

SSC, RACK und andere „moralische“ Prinzipien hinter BDSM

Als sich die sogenannte BDSM-Gemeinschaft aus ihren Verstecken wagte, schufen ihre Berichterstatter einen moralischen Überbau, den sie SSC nannten, „Safe, Sain and Consensual“. Er sollte der Menschheit vergegenwärtigen, dass BDSM-Anhänger nichts wirklich „Schlimmes“ taten, sondern dass ihre Moral annähernd die gleiche sei, wie die jedes Paares, das experimentellen Sex betreibt.

Was ist „SSC“? Es ist eine moralische Formel, die letztendlich sagt (Textliche Interpretation der Begriffe):

Ich achte beim Sex und bei außersexuellen erotischen Rollenspielen immer zuerst auf Sicherheit, probiere niemals etwas derartiges mit Kranken, Labilen und Betrunkenen, sondern nur mit Menschen, die bei vollem, klaren Verstand sind. Und ich achte stets darauf, dass mein Partner mit allem, was passiert, einverstanden ist.

Was diese Formel von der Moral bei „ganz gewöhnlichem harten oder erschöpfendem Sex“ unterscheidet? Gar nichts. Es war und ist eine Idealvorstellung. Wie in der Welt des Vanille-Sex nicht immer auf Sicherheit (Kondome, Verhütung) Klarheit des Geistes (Sex mit labilen und betrunkenen Frauen) und völligem Einverständnis (Verführung) gesetzt wird, so ist es auch in der BDSM-Welt.

Es dauert nicht lange, bis das Prinzip SSC infrage gestellt wurde. Die Leute, die BDSM ausüben, suchen einerseits Herausforderungen und andererseits Menschen, die sich herausfordern lassen. Also schuf man eine neue Formel, die den Namen RACK trägt. Bezeichnenderweise fehlen „Sicherheit“ („Safe“) und „klarer Verstand“ („Sane“). Dafür wird das Attribut „Risikobewusst“ (Risk-Aware) eingeführt, was bedeutete: Beide Partner sind sich des Risikos bewusst, das sie mit dem Rollenspiel eingehen, und im Lichte dieses Risikos sind beide einverstanden. Das „K“ am Ende besagt, dass es sich um „alternativen Sex“ handeln kann, was selbst die Original-Autoren kaum erklären können.

Kritiker innerhalb der BDSM-Szene sagen, dass beide Prinzipien lediglich Etiketten, aber keine ethischen Grundlagen seien. Besonders der Begriff „RACK“ wird dabei angezweifelt, denn im Grunde sind sie sich selten beide Partner des Risikos bewusst, das sie (beispielsweise bei sogenannten „Tunnelspielen“) eingehen.

Eine Ethik für BDSM? Der szenenbekannte Autor David Stein, der sich selbst als „Sklave“ bezeichnet, glaubt, sie gefundene zu haben und beschreibt ein übergeordnetes Prinzip:

Vor allem: Schädige dich nicht und auch keinen anderen. Menschen engagiere sich in BDSM, weil es ihnen Vergnügen bereitet und weile es sie glücklich macht. Jemanden zu peinigen (1) und ihn zu schädigen ist zweierlei. Denn die Pein vergeht, aber die Schädigung bleibt – gleich, ob sie physischer (…) oder psychischer (…) Art ist.

Wer sich mit BDSM anfreunden oder auseinandersetzen will, tut gut also daran, die „offiziellen Doktrinen“ zu vergessen und insbesondere nicht zu glauben, was die Szene als „Wahrheiten“ verbreitet.

BDSM ist eine Herausforderung für jeden, der damit in Berührung kommt, sei es innerhalb oder außerhalb der Szene. Weil es zunächst so scheint, als würde BDSM jede Form von Moral zerstören (denken Sie beispielsweise an Körperstrafen) geraten dabei auch die eigenen ethischen Vorstellungen außer Kontrolle – und es gilt, sie möglichst schnell wiederzugewinnen. Dazu zitieren wir noch einmal David Stein:

Sie können nicht einmal eine ethische Position annehmen und diese dann für immer beibehaltenen. Sie werden vielmehr ständig neue Situationen vorfinden, in denen Sie sich entscheiden müssen. Dazu gehören auch einige Schwierige, zu denen Sie möglicherweise nicht bereit sind.

Fazit: traue keinem der offiziellen Etiketten - finde deinen eigenen Weg

Das Fazit: Wer sich an den Etiketten der Sex- und Liebesbranche, der Religionen oder der Doktrinen anderer festmacht, vergisst, dass er Verantwortung für sich selbst und seinen Partner trägt, sobald ein erotisch motiviertes Spiel beginnt. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dies Prinzip nicht auch auf BDSM anzuwendend.

(1) Stein benutzt das Wort „Hurt“, das sowohl „der Schmerz“ wie auch „die Verletzung“ bedeutet.

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