Das harmonische Glück

Was ist nun Glück? Ist es etwas, das immer neu entsteht? Oder ist es etwas, das bleibt? Einige Forscher glauben, dass Harmonie der Schlüssel zum Liebesglück sei. Sie sagen mal bestimmter, mal vorsichtiger, dass im Grunde nur Gleichheit (im Sinne von starker Ähnlichkeit) zum dauerhaften Glück führe. Nachdem bis vor einiger Zeit ausschließlich die Psychologen diese Theorie für richtig hielten, treten nun auch immer mehr Ökonomen auf, die sagen: Ja, Gleichheit erzeugt Harmonie und Harmonie ist der Schlüssel zum Glück. Und wie es so ist: Diese Theorie steht „Spitz auf Knopf“ zu einer anderen, die das exakte Gegenteil aussagt.

Der Begriff „Gleich und Gleich gesellt sich gerne“ ist im Volk tief verankert. Und Gleichheit, so wird Ihnen jeder Dörfler zustimmen, erzeugt Gefühle, die auf Harmonie hindeuten. Und Harmonie bedeutet doch Glück, oder etwa nicht? Nicht ganz, wie wir noch sehen werden.

Der österreichische Wirtschaftspsychologe Erich Kirchler meint, er habe die Liebesformel gefunden: Wenn sich Partner bedingungslos positiv verhalten, um dem anderen zu gefallen, dann ist Harmonie da, dun sie beruht auf sechs Liebesgrundlagen. Versuchen sie jedoch, über die Bedingungen zu „verhandeln“, dann werden aus ihnen „Geschäftspartner“ statt Liebende – und je schlechter die Beziehung sei, umso mehr würde verhandelt. Erich Kirchner nennt dies „egoistische Wünsche“ oder gar „das Egoismusprinzip“. Er fasst zusammen:

«In harmonischen Beziehungen verhalten sich die Partner nach dem „Liebesprinzip“, das sechs spezifische Merkmale aufweist. »

Wenn wir Erich Kirchler begreifen wollen, müssen wir also nachschlagen, was seine Liebesprinzipien sind.

Kirchlers Liebesprinzip in sechs Punkten (vereinfacht)

Zunächst isoliert Kirchler das „Liebesprinzip“ von anderen Grundlagen, beispielsweise dem Kredit- Gerechtigkeits- und Egoismusprinzip. Dann zähl er die sechs Grundlagen auf, die er für wichtig hält:

1. Glücklich ist, wer keine geistige (emotionale) Aufrechnung der Ansprüche und Verpflichtungen vornimmt.
2. Harmonisch sein bedeutet, dass die Gefühle, Gedanken und Handlungen des Paares voneinander abhängig sind.
3. In der Harmonie existiert auch das Bedürfnis nach einer „Aufrechnung“ (also nach „Gerechtigkeit“) nicht.
4. Durch die Harmonie in der Beziehung fühlen sich die Partner nicht verpflichtet, etwas „auszuhandeln“. Dadurch steigt der Wert der Beziehung als solche.
5. Statt in der Beziehung irgendwelche Leistungen erbringen zu müssen, sollte in einer harmonischen Beziehung versucht werden. Dem anderen spontan Freude zu bereiten.
6. In harmonischen Beziehungen werden alle Ressourcen ausgetauscht, also auch solche, mit denen anderwärts nur „gehandelt“ wird.

Dies alles sind nun leider eher Doktrinen als hilfreiche Hinweise auf den rechten Weg zur Liebe. Aus Kirchlers Theorien ergeben sich drei neue Grundfragen:

1. Ist Harmonie das oberste Gebot menschlichen Seins?
2. Führt Harmonie eindeutig zum Glück?
3. Handelt es sich hier um eine religionsähnliche Utopie, oder können wir tatsächlich so leben?

Natürlich könnet man noch mehr Fragen stellen – aber das überlass ich als Berichterstatter dem Leser. Das Wort „Harmonie“ in der Liebe wird recht inflationär übrigens auch von andren Wissenschaftlern gebraucht. Dabei sollte bedacht werden: Harmonie ist das Ergebnis eines Prozesses, nicht dessen Voraussetzung.

Meinung

Bei Begriffen, die sich nicht genau definieren lassen, ist immer Vorsicht geboten. „Harmonie“ ist zunächst einmal ein Wort. Und das Wort ist eindeutig: Harmonie ist nicht, als solche vorhanden – sie entsteht erst, wenn wir es wollen, zumeist durch eine schöpferische Kraft. Das deutsche Wort „Einklang“ täuscht vor, dass Harmonie aus einem Guss besteht, aber das ist ganz falsch: Im Einklang existiert keine Harmonie. Sie besteht vielmehr darin, dass zwei Klänge sich zusammenfügen lassen, sodass ein dritter Klang entsteht, der weder dem Ersten noch dem Zweiten entspricht, sondern nur gemeinsam als „harmonisch“ empfunden wird.

Der Volksmund sagt zur willkürlichen Harmonie gelegentlich auch spöttisch: „Friede, Freude, Eierkuchen.“ Da beginnt auch die Kritik: Wenn alle Gefühle, Gedanken und Handlungen des Paares voneinander abhängig sind, dann könnte es sein, dass wir im Lichte des „Gefallens“ denken. Wir tun also nicht, was wir wünschen, sonder wir tun dem anderen etwas „zu gefallen“. Solange dies ein einmaliges Geschenk ist, spricht nichts dagegen. Sollten wir aber nur noch dem anderen zu Gefallen leben (und lieben) so kann nicht mehr von der persönlichen Freiheit in der Ehe die Rede sein – es handelt sich vielmehr um eine Unterwerfung.

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