Liebe – gegenseitig erweitern – gegenseitig behindern

Die Dozentin Madoka Kumashiro ist eine der wenigen Psychologen, die sich an das „Selbst“ der Liebenden gewagt haben. Sicher, versucht hatte dies schon Ronald D. Laing, der unterstellte, es könne gar nicht sein, dass wir in unserem „Selbst“ nicht auch ein „Andere“ vorfinden würden. Doch die Forschungen von Madoka Kumashiro gingen in eine andere Richtung: Sie interessierte sich für die Veränderungen, die beide Partner aneinander bewirken können. Oder mit anderen Worten: Wie kann ein Partner dem andere bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit helfen, und wie schadet er ihm dabei? Das Ergebnis ist als „Michelangelophänomen“ bekannt geworden.

Das Phänomen ist aus mehreren Gründen interessant, die zunächst gar nicht so „psychologisch“ klingen:

1. Eine Annahme der Psychologie besagt, dass sich die Persönlichkeit (das äußere Kennzeichen des inneren „Selbst“) sich ab dem 25. Lebensjahr kaum noch verändert. Dennoch verändern sich Ehepaare aber ganz offensichtlich gegenseitig. 2. Verheiratete (namentlich Frauen) versuchen ihre Ehepartner oft „nachzuerziehen“. Das geht zumeist schief. Wie kann man es besser machen? 3. Der Ausdruck „die bessere Hälfte“ besagt, dass viele Ehepartner einen günstigen Einfluss auf ihre Partner haben. Woher rührt das? 4. „Gegensätze“ ziehen sich an gilt aus der Sicht der meisten Psychologen als falsch. Was aber, wenn beide diese Gegensätze ins Positive verwandeln könnten? 5. „Gleich und Gleich“ sollte heiraten – sagen Volksmund und Psychologie. Doch wann ist man gleich? Oder wird man erst in der Ehe „gleich“?

Die Fragestellung beim „Michelangelo-Phänomen“ kann so beschrieben werden:

Kann aus einer Person nach der Eheschließung (oder beim Zusammenleben) noch mehr „herausgeholt“ werden, als schon an ihr sichtbar wird?

Die Antwort ist ebenfalls einfach: Ja, wenn beide guten Willens sind, es zu tun. Zitat:

„Die Erwartungen des Partners sind wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Partner können beim anderen bestimmte Eigenschaften hervorrufen und Haltungen und Verhaltensweisen zugunsten von dessen obersten Zielen beeinflussen.“

Eine Liebe kann also dazu dienen, sich gegenseitig zum Bestmöglichen zu entwickeln. Allerdings kann auch das Gegenteil eintreten, sodass es wahrhaftig auf bestimmte Grundeigenschaften ankommt, die beide Partner haben sollten: Die Fähigkeit, die besten Eigenschaften im anderen zu erkennen und ihm zugleich die Freiheit zu lassen, diese zu entwickeln. Erstaunlicherweise ist diese Eigenschaft in keinem der sogenannten „Partnerübereinstimmungstests“ enthalten – und es gibt durchaus Menschen, die eine Symbiose aus „Freiheit und Bindung“ ausschließen.

Wichtig an all diesen Gedanken ist vor allem die Möglichkeit, aneinander zu wachsen und die freigelegten Eigenschaften dann auch wieder in die Beziehung einzubringen. Hier kommt die Liebe ins Spiel, die genügend Klebstoff enthalten sollte, um die drei Ziele aneinanderheften: meine Ziele, deine Ziele, unsere Ziele.

Laut Madoka Kumashiro gehört zu den besten Arten der Liebe jene, bei der „die Partner einander dabei helfen, die Person zu werden, die sie gerne werden möchten.“ Dazu bedürfe es der Aufmerksamkeit, denn man müsse wissen, wann man hilfreich sein könne. Das Besondere an dieser Form der Liebe: Beziehungen profitieren, wenn man sowohl Zugehörigkeit wie auch Autonomie in der Liebe verspürt.

Meinung

Die Forschungen könnte viel Licht in die Frage bringen, wie sich die Liebe eines Paares entwickelt. Sie räumt auf mit dem Märchen, beide Partner würden als „vollständige Persönlichkeiten“ in die Partnerschaft gehen und sich dann nie mehr verändern. (Die ist übrigens die dümmlichste und dreisteste Behauptung der Psychologen in Partnerbörsen).

Ein Problem könnt darin bestehn, dass sich der Partner anders entwickelt als gedacht und sich dann aus der Ehe „hinausentwickelt“. Allerdings haben in der heutigen Welt auch noch andere Menschen Einfluss auf Ehepartner, etwas Berufskollegen, sodass auch andere Personen Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit nehmen könnten. Nach meiner Auffassung ist es allemal besser, als Ehepartner die Persönlichkeit des anderen zu fördern, als plötzlich festzustellen, dass bereits ein anderer an diesem Phänomen arbeitet.

Quellen: Northwest.edu. Sowie Bormanns, Leo: „Das Geheimnis der Liebe.“. Köln 2013

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